Gustavo Pereira: SOMARIS

SOMARIS
Gedichte, zweisprachig: Spanisch – Deutsch

ISBN 978-3-927648-44-9

Einband, gebunden. Hardcover
493 Seiten
7 s/w Autorenfotos

15,6 × 15,6 cm
25,00 Eur[D] / 30,00 Eur[A] UVP / 30,00 sFr

Werkauswahl 1970 bis heute. Übersetzt von Juana und Tobias Burghardt. Fotoessay von Enrique Hernández-D‘Jesús. Umschlaggestaltung von Juana Burghardt. Nachwort von Tobias Burghardt.

Edition Delta, Stuttgart

Es gibt ein Blatt
auf dem nichts geschrieben steht
Auf dem alles ins Leben befreit worden ist

Es gibt ein Meer
das man im Tod befährt
zum Ursprung oder zum Ziel.

SOMARI

Gustavo Pereira, geboren am 7. März 1940 in Punta de Piedras, Isla Margarita, wechselte in der Kindheit und Jugend mit seiner Familie mehrmals den Wohnort, mit fünf Jahren nach Puerto la Cruz, mit zwölf nach Maracaibo, wo er seine ersten Gedichte schrieb, und ein Jahr später wieder zurück nach Puerto la Cruz, wo er im nahegelegenen venezolanischen Barcelona weiter zur Schule ging, bevor er als Achtzehnjähriger in der Hauptstadt Caracas das Abitur ablegte und danach Jura und Literatur studierte. Als junger Anwalt verteidigte er in den turbulenten sechziger Jahren Arbeiter, Gewerkschaften und politische Häftlinge, veröffentlichte seine frühen Gedichtbände, für die er mehrere Lyrikpreise venezolanischer Universitäten erhielt, und wurde Mitbegründer der einflußreichen Zeitschrift »Trópico uno«. 1970 wurde ihm der Lateinamerikanische Poesiepreis der Zeitschrift »Imagen« zugesprochen. In jener Zeit entwickelte er poetologisch »ein kleines, fähiges Instrument, um es mit dem Scharfsinn, den diese vielschichtige Gesellschaft verlangt, zu lesen.« Gustavo Pereira erfand dafür das Neuwort »Somari«.

1982 promovierte er beim argentinisch-jüdischen Dichter, Essayisten und Humanisten Saúl Yurkievich an der Université Paris VIII Vincennes-Saint Denis in lateinamerikanischer Literatur und lehrte danach zwei Jahrzehnte venezolanische und hispanoamerikanische Literatur an der Universidad de Oriente in Barcelona, Anzoátegui. Sein Engagement als Dichter führte ihn 1999 als unabhängigen Kandidaten in den Nationalkongreß, der zur verfassungsgebenden Nationalversammlung wurde, in der er als Abgeordneter die kulturellen und indigenen Grundrechte in der Präambel zur neuen demokratischen Verfassung Venezuelas festschrieb.

Im Jahr 2000 wurde er mit dem Nationalpreis für Literatur gewürdigt. Die Literaturbiennale der Karibikinsel Margarita trägt seinen Namen. Gustavo Pereira hat inzwischen mehr als dreißig Lyrikbände veröffentlicht, darunter befinden sich leitmotivisch annähernd 500 Somaris aus über 40 Jahren, verstreut auf bislang elf Einzeltitel, aus all denen rund die Hälfte hier erstmals zum eingehenden Kennenlernen vorliegt.

Der Begriff »somari« kann als Symbiose der Wörter »soma« (Körper), »mar« (Meer) und »Mari«, ein Frauenname, der aus der vorchristlich baskischen Mythologie stammt, gelesen werden und verbindet gleichsam metaphorisch die Grundelemente seiner zeitgenössischen Poetik, die sowohl wortmächtig als auch wortkarg mit sanften, aber zugleich subversiven Perspektivwechseln zu überraschen weiß. Auch das französische Adjektiv »sommaire« beschreibt jene minimalistische und lakonische Blickrichtung: einfach, schlicht, flüchtig, kurz- bzw. zusammengefaßt. Bisweilen erinnern die Somaris mit ihrer universalen Strahlkraft an fernöstliche Lyrikminiaturen, obwohl keinerlei metrische oder spezifische Merkmale übereinstimmen, an Gedichte der Tang- und Ming-Dynastien, an die indigene Poesie, an arabische, persische und afrikanische Gedichttraditionen, ebenso wie an antike Texte, etwa des lateinischen Dichters der Iberischen Halbinsel Marcus Valerius Martialis oder auch Catulls, und mancherlei ost- wie westeuropäische Klassiker der Moderne, die er neben den großen lateinamerikanischen Dichtern wie Rubén Darío, Vicente Huidobro, Pablo Neruda, César Vallejo, Nicanor Parra, Octavio Paz, Roberto Juarroz, Juan Gelman und José Emilio Pacheco mit Begeisterung las.

Zu seinen Publikationen zählen zudem historische Schriften, indigene Forschungen und ein magischer Gedichtzyklus mit dem Titel »Emeruk« (Lieder) in der Sprache der Pemón-Indios aus der Großen Savanne im Süden Venezuelas.

Seine Werke wurden ins Arabische, Englische, Französische, Italienische, Portugiesische und Koreanische übersetzt. Die originäre Poesie des venezolanischen Dichters Gustavo Pereira schreibt sich in das universelle »Konzert« der Stimmen ein: »Sie alle schrieben das BUCH miteinander« (Gonzalo Rojas).

Buchapplaus

Gustavo Pereira ist ein bekannter Lyriker in Südamerika, der eine neue Form von Lyrik gefunden hat. Somaris nennt er seine minimalistischen und lakonischen Miniaturen, die vielfältige Wurzeln haben und oft zu haikuartigen Bildern führen.

‚Somari der Träumer: Gäbe es keine Träumer/wäre die Welt/Dreck/und düstere Höhle unser Bett// Gäbe es keine Träumer/welchen Sinn/hätte/das alles?/Die Eulen wären Herren des Tages/Und die Knüppel schrieben am Ende die einzigen Wörter.‘

Von Juana und Tobias Burghardt ausdrucksvoll ins Deutsche übersetzt, so dass Bilder und Wörter wunderbar zusammenpassen.

Matthias Ulrich (NOXIANA – Nr. 25, Herbst 2013)

DIE GANZ GROSSEN THEMEN

Gustavo Pereira, 1940 in Venezuela geboren, macht dazu nicht viele Worte. In Kürzestgedichten von oft zwei, drei Zeilen kondensiert er große und kleine Beobachtungen, zum Beispiel so: »Las cosas de arriba / parecen caer / Y las de abajo subir« (Die Dinge von oben / scheinen zu fallen / Und die von unten zu steigen). Für diese Form hat er die Bezeichnung »Somari« erfunden, »soma« (Körper) klingt darin an, »mar« (Meer), aber auch das französische »sommaire« (einfach, schlicht, flüchtig). Diese Somaris ähneln oft Aphorismen oder Epigrammen, metrisch nehmen sie sich alle Freiheiten.

Zugleich reizen sie die klanglichen Möglichkeiten aus, so im zitierten Vers die Überkreuz-Alliteration cosas/caer und arriba/abajo, das im Zentrum stehende »parecen« (mit dem das auf den ersten Blick einleuchtende Bild heftig in Frage gestellt wird) – und die in der hellen Schluss silbe »-bir« anklingende Zuversicht, dass es am Ende mit denen »von unten« doch aufwärts gehen könnte.

So viel Welt in nur zwei Versen

Pereiras Gedichte gehorchen dem Anspruch größtmöglicher Präzision, und wenn auch nicht alle die Hürde der Kalenderspruchschlichtheit übersprungen haben, werden wir entschädigt durch solche wie den »Somari mit Krawatte«: »La vida con corbata es un desastre / pero sin ella no mejora nada« (Das Leben mit Krawatte ist eine Katastrophe / aber ohne sie bessert sich nichts).

In diesen zwei Zeilen stimmt einfach alles: zunächst das Schmunzeln, danach der Revolutionsgestus der ersten Zeile, dann die Melancholie der zweiten, die weiten Assoziationsräume, die sich über den Krawatten und ihrem Ablegen öffnen – und am Ende die Freude darüber, dass so viel Welt in so unglaublicher Kürze sagbar ist.

Valentin Schönherr (Südlink – Das Nord-Süd-Magazin 163, März 2013)

Wenn alles glänzt

Wem ein «plötzlicher Lidschlag» gleichermassen zum Gedicht werden kann wie das «magische Zickzack / der Irrwege», der muss die Poesie wohl neu erfinden wollen.

Der venezolanische Dichter Gustavo Pereira jedenfalls hat sich mit dem «Somari» eine eigene Art ausgedacht – eine «leicht transportable und verdauliche Taschenpoesie», wie er es nennt, «mitunter gar gut zu verbergen in der flatterhaften, wirren und törichten Zeit, die uns bedrängt». Es sind freie Verse, knapp, bisweilen ironisch, oft sentenzartig, die mit Paradoxien und Dilemmata spielen.

«Ein Träumer ist eine Pistole / die nachts ihre Leuchtkugeln abfeuert» heisst es einmal. Und der Träumer ist nichts anderes als der Dichter, nur dass der Dichter noch um die Reservois der Erinnerung und der Erkenntnis weiss. Fortwährend versucht Pereira Bilder für das Flüchtige zu finden, das ihm die Poesie in ihrem Innersten ist.

Seine Leser können nicht nur Verse entdecken, die sich auf die «flatterhafte» Zeit einlassen, sondern auch wundersame Vorstellungen wie «Metallmelancholien», «angelaufene Fenster» oder «Libellenflügelstaub». Manchmal sind die Gedichte in wenig pointenlastig oder gehen zu direkt in der Kritik an sozialen Verhältnissen auf. Wenn sie aber glücken, entfaltet die Lust am Widerspruch ihre Kraft. Dann genügt schon ein Stück Blech – und «alles / glänzt».

ncb (Neue Zürcher Zeitung, Feuilleton, 27. Dezember 2012)

Lyrik – Übersetzungen

Gedicht sind Bruckstücke der Welt und öffnen die Augen, dass man in anderen Ländern die Dinge anders sieht.

Der venezolanische Dichter Gustavo Pereira jedenfalls hat sich mit dem „Somari“ eine eigene Art ausgedacht – eine „leicht transportable und verdauliche Taschenpoesie“, wie er es nennt, „mitunter gar gut zu verbergen in der flatterhaften, wirren und törichten Zeit, die uns bedrängt“. Es sind freie Verse, knapp, bisweilen ironisch, oft sentenzartig, die mit Paradoxien und Dilemmata spielen. Fortwährend versucht Pereira Bilder für das Flüchtige zu finden, das ihm die Poesie in ihrem Innersten ist. Seine Leser können nicht nur Verse entdecken, die sich auf die „flatterhafte“ Zeit einlassen, sondern auch wundersame Vorstellungen wie „Metallmelancholien“ und „Libellenflügelstaub“.

Nico Bleutge (Stuttgarter Zeitung – Das Buch, 21. Dezember 2012

Ein Dichter wundersamer Epiphanien wie der poetischen Erfindung der Somaris – eine inspirierte und erleuchtende Gedichtform, die das vordergründig Ästhetische mit einer humanistischen Haltung, tiefer Weisheit, ironischen Tupfern und Erotik durchdringt.

Jury-Begründung zum Internationalen Lyrikpreis Víctor Valera Mora, 13. Juli 2011, Caracas, Venezuela

Gustavo Pereira: SOMARIS

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